Psychische Gesundheit bei rheumatoider Arthritis

Eine rheumatoide Arthritis kann sich auf die Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden von Patienten auswirken. Die Depression ist dabei eine häufige Begleiterkrankung bei rheumatoider Arthritis.

Wie wirkt sich die rheumatoide Arthritis auf die Lebensqualität und auf das psychische Wohlbefinden von Patienten aus?

Eine rheumatoide Arthritis kann sehr unterschiedlich verlaufen. Neben den charakteristischen Krankheitsanzeichen wie Gelenkschmerzen und -schwellungen sowie der typischen Morgensteifigkeit leiden die Patienten häufig auch an eher unspezifischen Symptomen wie Schlafstörungen und Müdigkeit sowie an Störungen der Leistungsfähigkeit und des psychischen Wohlbefindens. Zudem können über die Gelenke hinaus weitere Organe in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine rheumatoide Arthritis betrifft also den ganzen Körper, Ärzte sprechen auch von einer „systemischen Erkrankung“.

Sowohl Schmerzen und Gelenkbeschwerden als auch begleitende Krankheitssymptome außerhalb der Gelenke können die Lebensqualität von Patienten mit rheumatoider Arthritis erheblich beeinträchtigen. Auch die Psyche kann durch die Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine effektive Therapie der rheumatoiden Arthritis hat daher über die Bekämpfung der chronischen Entzündung hinaus auch eine möglichst weitgehende Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Lebensqualität und des psychischen Wohlbefindens der Patienten zum Ziel.

Rheumatoide Arthritis beeinträchtigt das psychische Wohlempfinden der Patienten

Mehr Lebensqualität bei Rheuma durch eine gesunde Psyche

Patienten mit rheumatoider Arthritis leiden häufiger an depressionstypischen Beschwerden bzw. einer Depression

Die Depression gehört zu den häufigsten Begleiterkrankungen bei der rheumatoiden Arthritis. Eine zusammenfassende Analyse der Daten von mehr als 13.000 Patienten mit rheumatoider Arthritis ergab, dass bei ca. 17 % dieser Patienten eine Depression festgestellt wurde. Depressionstypische Beschwerden traten sogar bei insgesamt 39 % der Patienten auf.

Da der Krankheitsverlauf bei Rheuma-Patienten sehr individuell ist, lässt sich kaum vorhersagen, ob und wann eine Depression auftritt. Eine Depression kann jederzeit im Verlauf einer rheumatoiden Arthritis auftreten, am häufigsten ist sie jedoch in den ersten fünf Jahren.

Bei rheumatoider Arthritis sind Depressionen häufig

Depression als Begleiterkrankung bei rheumatoider Arthritis

Falls Sie sich unsicher fühlen oder falls Sie an sich selbst Anzeichen für psychische oder emotionale Beschwerden entdecken sprechen Sie bitte jederzeit Ihren Arzt oder einen Mitarbeiter Ihres Praxisteams an. Je früher depressionstypische Symptome erkannt werden, desto besser kann man sie in der Regel behandeln.

 

    In den allermeisten Fällen hat eine Depression nicht eine einzelne Ursache, sondern wird durch das komplexe Zusammenwirken verschiedener Faktoren ausgelöst, dazu zählen

    • körperliche bzw. biologische Faktoren,
    • die individuelle Persönlichkeit und ihre Lebensgeschichte sowie
    • aktuelle Belastungen „von außen” wie z. B. soziale Stressfaktoren.

    Bei manchen Menschen genügt unter Umständen ein einziger Stressfaktor, um eine Depression auszulösen, während bei anderen mehrere Faktoren zusammenkommen müssen.

    Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens depressionstypische Symptome entwickeln. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis ist das Erkrankungsrisiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung jedoch ungefähr 1,6-fach erhöht. Der körperliche und soziale Stress, der sich z. B. in Form von Schmerzen, Funktionseinschränkungen, Arbeitsunfähigkeit oder auch Problemen bei sozialen und familiären Kontakten äußert, erhöht die psychische Gesamtbelastung von Patienten mit rheumatoider Arthritis erheblich.

    Darüber hinaus gibt es wichtige Gemeinsamkeiten bei den biologischen Krankheitsursachen der rheumatoiden Arthritis und der Depression. Bei beiden Erkrankungen spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle und auch die beobachtete Beteiligung von molekularen Botenstoffen weist Ähnlichkeiten auf.

    Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Bedeutung des Wortes „depressiv” oft weiter gefasst als im streng medizinischen Sinn. „Dieses Wetter macht mich ganz depressiv.”, sagen z. B. viele Menschen und meinen damit, dass sie gerade lustlos oder vielleicht auch traurig sind. Eine „echte“ Depression geht aber weit über diese in der Regel vorübergehende Störung des Befindens (in unserem Beispiel eine wetterbedingte Traurigkeit) hinaus. Sie ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die einer fachgerechten Behandlung bedarf. Eine Depression hat nichts mit einer „schwachen Persönlichkeit“, mangelnder Willenskraft oder fehlender Motivation zu tun.

    Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis ist es manchmal nicht ganz einfach, zwischen den Auswirkungen der Krankheitsbelastung, die jeden Patienten betreffen, und der Entwicklung einer eigenständigen Depression zu unterscheiden.

    Es gibt viele verschiedene Ausprägungen und Verläufe der Depression, daher ist es mitunter schwierig, eine sich entwickelnde depressive Störung oder Depression zu erkennen. Eine frühe Diagnose ist jedoch besonders wichtig, da diese Erkrankung vor allem im frühen Verlauf in der Regel gut behandelbar ist.

    Auch wenn eine Depression sehr unterschiedlich verlaufen kann, gibt es einige typische Krankheitsanzeichen (Symptome), die bei den meisten Patienten mit einer Depression auftreten:

    • häufige oder dauerhaft gedrückte oder traurige Stimmung
    • weniger Interesse und Freude an normalerweise angenehmen Tätigkeiten
    • Antriebslosigkeit
    • rasche, grundlose Ermüdung 

    Einige Patienten leiden auch unter einem oder mehreren der folgenden Symptome:

    • Konzentrationsschwierigkeiten
    • Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit
    • Vermindertes Selbstvertrauen
    • Todeswünsche oder Gedanken an Suizid
    • Zukunftsängste
    • Schlafstörungen (z. B. frühes Aufwachen mit Grübeln)
    • Schmerzen „ohne Grund“
    • Appetitlosigkeit
    • Morgentief mit Aufhellung zum Nachmittag hin

    Die meisten dieser Beschwerden treten im täglichen Leben vieler Menschen immer wieder einmal auf. Entscheidend für das Vorliegen einer Depression ist es, wie lange die Beschwerden andauern und in welcher Intensität sie auftreten. Dies wirkt sich auch darauf aus, ob eine Depression als leicht, mittelschwer oder schwer eingestuft wird. Die Einschätzung des Schweregrades und des zu erwartenden weiteren Verlaufs einer Depression ist vor allem für die Wahl der am besten geeigneten Behandlungsmöglichkeiten von Bedeutung.

Besprechen Sie psychische und emotionale Belastungen mit Ihrem Rheumatologen

Für eine erste Einschätzung psychischer oder emotionaler Belastungen als Folge Ihrer rheumatoiden Arthritis gehen Ihr Rheumatologe oder Ihre rheumatologische Fachassistentin (RFA) möglicherweise einen kurzen Fragebogen mit Ihnen durch. Es kann auch sein, dass Sie diesen schon vor der Sprechstunde im Wartezimmer ausfüllen können. Ein Beispiel für einen dieser Fragebögen finden Sie in unserer Broschüre zur psychischen Gesundheit bei rheumatoider Arthritis, die sie hier herunterladen können.

Möglicherweise werden Ihnen auch nur einige wenige Fragen zu Ihrer Stimmung, Ihren Interessen und vielleicht nach Ihrer Schlafqualität in den letzten zwei bis vier Wochen gestellt. Alle diese Fragen dienen in erster Linie dazu, Anzeichen für psychische oder emotionale Belastungen möglichst früh zu erkennen.

Beschreiben Sie in der Sprechstunde nicht „nur“ Ihre körperlichen Beschwerden, sondern sprechen Sie ruhig auch über psychische oder emotionale Belastungen in Ihrem Alltag. Selbst wenn nichts auf eine psychische Erkrankung hindeutet, ist es für Ihren Rheumatologen wichtig, die Krankheitsaktivität und den Therapieerfolg auch aus Ihrer ganz persönlichen Sicht heraus beurteilen zu können.

Wenn es deutliche Hinweise auf eine Depression oder eine depressive Störung gibt, wird Ihr Rheumatologe eine weitergehende Untersuchung veranlassen. Je nach Schweregrad wird er oder Ihr Hausarzt Ihnen möglicherweise auch ein Medikament verordnen oder einen Psychiater, Psychosomatiker oder psychologischen Psychotherapeuten hinzuziehen.

Eine frühe Erkennung und Behandlung von psychischen und emotionalen Belastungen ist Teil einer effektiven Therapie der rheumatoiden Arthritis.

Es ist für den Behandlungserfolg bei rheumatoider Arthritis wichtig, auch etwaige psychische und emotionale Belastungen in der rheumatologischen Sprechstunde anzusprechen

Wie wird eine Depression bei Patienten mit rheumatoider Arthritis behandelt?

Leider können psychische und emotionale Probleme trotz optimaler Behandlung der chronischen Entzündung entstehen oder weiter bestehen und darüber hinaus den Erfolg der Therapie einer rheumatoiden Arthritis beeinträchtigen. Ein Rückgang depressionstypischer Symptome kann sich dabei auch positiv auf den Verlauf der rheumatoiden Arthritis auswirken. Die Behandlung der rheumatoiden Arthritis und die Therapie der Depression unterstützen sich gegenseitig.

Eine Depression kann in der Regel erfolgreich behandelt werden. Wichtige Behandlungsziele dabei sind dabei, die Dauer und Intensität der psychischen Beschwerden zu verringern oder ganz zum Verschwinden zu bringen und das erneute Auftreten einer Depression zu verhindern.

Die Wahl der besten Behandlungsmethode richtet sich in erster Linie nach dem Schweregrad der Depression.

  • Leichte Depression: Vorbeugende Maßnahmen der Lebensgestaltung und des Stressmanagements
  • Mittelschwere oder schwere Depression: Medikamente (Antidepressiva) und/oder verschiedene Formen der Psychotherapie, die besonders bei schweren Depressionen auch kombiniert werden

Weitere Informationen zur den medikamentösen und psychotherapeutischen Therapieverfahren finden Sie auch in unserer Broschüre zur psychischen Gesundheit bei rheumatoider Arthritis, die sie hier herunterladen können.

Die Entscheidung, welche Therapie für Sie am besten geeignet ist, wird immer von Ihnen gemeinsam mit Ihrem Arzt getroffen!

 

Die Behandlung der rheumatoiden Arthritis und die Therapie der Depression beeinflussen sich gegenseitig positiv.

Depressionen bei Patienten mit rheumatoider Arthritis können erfolgreich behandelt werden.

Was können Sie selbst tun?

Die rheumatoide Arthritis ist eine chronische, d. h. langanhaltende Erkrankung, die gut behandelbar, aber nicht ursächlich heilbar ist. Wie die Erfahrung zeigt, ist es zur Bewältigung psychischer und emotionaler Probleme wichtig, dass die Patienten ihre Erkrankung und deren Behandlung akzeptieren und sich nicht entmutigen lassen.

Oft helfen vorbeugende Maßnahmen der Lebensgestaltung und des Stressmanagements, um bereits das Entstehen einer Depression zu verhindern und oder eine leichte Depression erfolgreich zu behandeln. Alle Patienten können daran arbeiten, ihre psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken, um mentale Belastungen zu verringern und ein Fortschreiten ihrer Erkrankung zu verlangsamen. Hierfür gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten:

  • Seien Sie achtsam: Versuchen Sie, positive Ereignisse – auch kleine Dinge – bewusst wahrzunehmen und wertzuschätzen.
  • Planen Sie möglichst oft angenehme Aktivitäten und regelmäßige Entspannungsübungen in Ihren Alltag ein.
  • Achten Sie auf Rituale und Strukturen. Vielleicht hilft Ihnen dabei ein persönlicher Wochenplan.
  • Versuchen Sie ausreichend zu schlafen.
  • Pflegen Sie Ihre Freundschaften und sozialen Kontakte.
  • Bewegen Sie sich regelmäßig, gehen Sie an die frische Luft. Sport und Spaziergänge in der Natur helfen.
  • Achten Sie auf eine abwechslungsreiche Ernährung mit weniger Kohlehydraten und mehr pflanzlichen als tierischen Fetten.
  • Fordern Sie sich geistig, schrecken Sie auch vor anspruchsvollen Themen nicht zurück.
  • Nehmen Sie Beratungs- und Therapieangebote an, z. B. Physio- oder Ergotherapie, Ernährungsberatung, Fitnesscoaching u. ä.
Lebensgestaltung und Stressmanagement stärken die psychische Widerstandsfähigkeit

Mit einfachen Maßnahmen können Rheuma-Patienten selbst viel selbst zu ihrem psychischen Wohlbefinden beitragen.

Broschüre Psychische Gesundheit bei rheumatoider Arthritis

Mehr zur psychischen Gesundheit bei rheumatoider Arthritis und ein Patientenbeispiel zur Depression und ihrer Behandlung bietet unsere Broschüre, die sie hier herunterladen können.

Außerdem enthält die Broschüre einen Fragebogen zur psychischen Gesundheit, der Ihrem Rheumatologen Anhaltspunkte dafür liefern kann, ob sie an depressionstypischen Beschwerden oder einer Depression leiden, sowie wichtige Notfallnummern und Tipps, wo Sie Hilfe und Beratung erhalten können. Zusätzlich gibt es ein Kapitel mit wichtigen Hinweisen für Angehörige und Freunde von Rheuma-Patienten mit Depressionen.

Literatur:

  1. Tecic T et al. Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Arzneimitteltherapie 2009; 27: 375-382.
  2. Baerwald C et al. Depression als Komorbidität bei rheumatoider Arthritis. Z Rheumatol 2019; 78: 243-248.
  3. Matcham F et al. The prevalence of depression in rheumatoid arthritis: a systematic review and meta-analysis. Rheumatology (Oxford) 2013; 52: 2136-2148.